Das Märchen von der Verletzbarkeit

Svayoga-Brief 2/2010

Liebe Yogafreunde,

So viele Menschen, denen ich begegne, berichten mir von den Verletzungen, die sie durch Beziehungen mit anderen Menschen erleben mussten. Sie erzählen mir, wie ihre Liebe enttäuscht wurde, wie sie immer wieder an die Falschen gerieten. Sie sind wie weidwunde Rehe, hilflos ausgeliefert den zukünftigen Verletzungen, die ihnen - da sind sie sich sicher - noch blühen werden.

Yogis und Yoginis, die schon lange auf dem Weg zu sein scheinen und andere sogenannte spirituelle Menschen sind vorsichtig, was Beziehungen betrifft. Sie wollen nicht wieder verletzt werden, sie wollen sich vorsehen. Sie schützen sich, mit Mantras und geistigen Schutzwällen, und lassen sich nicht mehr so einfach und schnell auf andere Menschen, auf Beziehungen, auf Intimität ein. Denn es könnte ja sein, dass es ihnen wieder passiert, dass ihnen wieder jemand weh tut. Noch einmal, höre ich dann, könnten sie das dann nicht mehr ertragen. Und alle in unserer Kultur nicken mitfühlend.

Gefangen in den eigenen Prägungen

Mein Meister sagte einmal: „Es ist schon fast tragikomisch: Menschen bauen sich selbst ein Gefängnis aus alten Prägungen, aus Missverständnissen und Projektionen, und wimmern dann um die Barmherzigkeit Gottes, des Gurus, der Engel und aller möglichen höheren Wesen. Sie bitten darum, endlich aus ihrem Gefängnis befreit zu werden, während dem sie selbst den Schlüssel zur Türe in die Freiheit in der Hand halten.“

Mehr noch, wenn dann diese Befreiung nicht kommt, dann geben sie Gott, dem Guru, den Engeln, etc. die Schuld, ihren Eltern, ihrer Kultur. Ihre Gefangenschaft ist also eigentlich gar keine. Deshalb kann sie auch niemand aus dieser Scheingefangenschaft befreien. Würde man sie darauf hinweisen, wären sie empört, noch mehr verletzt und würden sich noch mehr missverstanden, nicht respektiert fühlen und abwenden und noch weiter hinein in diesen Wahn flüchten.

Sie würden weiter flehen, ob sich denn wirklich niemand ihrer erbarmen würde, um sie endlich zu befreien.

Der weiße Ritter muss es richten!

Taucht dann am Horizont jemand auf, der bei ihnen den Anschein erweckt, dass er der Weiße Ritter sei, der sie aus dem Verlies ihrer eigenen Erlebnisse befreien könnte, dann sei Gott seiner Seele gnädig. Wie ein Meer aus unerfüllten Sehnsüchten schwappen dann ihre Erwartungen über diesen Menschen herein, überhäufen ihn mit Vorschusslorbeeren, der Retter aus der Not zu sein. Und nie kann dieser Mensch ihnen wirklich der sein, nach dem sie sich so hoffnungsvoll sehnen, der große Befreier, denn ihre Gefangenschaft, aus der er sie befreien sollte, ist ja keine,.

Sie selbst haben sich das alles angetan, die Verletzungen selbst beigefügt. Was für eine Ironie! Menschen, die diesem Wahn, und das sind die meisten in unserer Kultur, aufgesessen sind, werden auch spirituelle Wege dazu benutzen, ihre Gefangenschaft anderen, nur nicht sich selbst, in die Schuhe zu schieben.

weiter lesen | zurück zum Archiv

english

 
de/das_maerchen_von_der_verletzbarkeit_syb.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)