Aus Liebe lieben

Vom Yoga der Liebe

Der Yoga der Liebe, nur am Rande verwandt mit der Sexfibel des Kamasutra und deren Ablegern, ist in seiner Historie ein erstaunliches Ereignis.

Bhakti Yoga, wie diese Form der Übung genannt wird, trat aus dem Schatten der Sanskritgelehrten heraus, hinein in die Dörfer und Bauernhöfe Indiens, als im 11. Jahrhundert einige der wichtigsten Sanskritschriften in die Volkssprachen Hindi und Marathi übersetzt wurden. Für die damaligen Zeiten war das eine tiefgreifende Revolution, die die Macht des Wissens und der Rituale aus den Händen der Priesterkaste nahm und zum Allgemeingut machte.

Es war eine Revolution, die nur von Brahmanen ausgelöst werden konnte, die seit Tausenden von Jahren das Wissen der Schriften mit dem Siegel der exklusiven, nur den Priestern und Yogis zugänglichen, Sanskritsprache unter Verschluß hielten.

Bhakti Yoga stellte keine Ansprüche an seine Übenden. Bhakti Yoga war und ist für Jederfrau und Jedermann. Seine eigene innere Liebe zu entdecken ist ein Weg, der nicht von Bildung, nicht von Frömmigkeit, von Rechtgläubigkeit und nicht vom gesellschaftlichen Status abhängig ist.

Es gibt viele Formen dieses Yoga, aber sie alle haben eines gemeinsam. Es geht um eine Art der Liebe, die angestoßen wird in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders in Eltern-Kind-Beziehungen, in der Menschen zum ersten Mal ein Lieben aus Liebe erleben können, ohne Absicht und bedingungslos.

Bhakti Yoga kann Eltern aber auch helfen, zu unterscheiden zwischen der Liebe, die bloß die Liebe der eigenen Kinder liebt und der Liebe, die die Kinder liebt. Da Kinder ohne Umschweife lieben können, ist ihre Liebe sehr verführerisch. Viele Eltern erliegen dem Verlangen nach dieser Liebe und verlieren aus den Augen, was das Beste für das Kind ist.

Bhakti Yoga zeigt uns zuerst einmal, dass Liebe immer Liebe ist. Meine Meisterin sagte einmal: Liebe ist nicht, was du denkst dass sie ist. Liebe ist nicht was du fühlst. Liebe ist Liebe, nichts weiter. Es gibt also keine reine Liebe und keine unreine Liebe, die irgendwie schmutzig geworden ist. Es gibt auch keine körperliche Liebe. Das ist einfach Verlangen, Gier, Lust, und als solche sicherlich in Ordnung. Nur wenn wir Liebe mit diesen inneren Regungen verwechseln, dann verschwindet damit auch die Möglichkeit, Liebe an sich zu erfahren.

Liebe ist auch keine Geschäft: »Wenn du mich magst und nett zu mir bist, dann liebe ich dich. Ich warne dich aber gleich, dass ich dich auch genauso hassen kann, wenn du nicht spurst!« Oder: »Ich liebe dich, solange ich einen Alleinvertretungsanspruch auf dein Geschlechtsteil habe. Wenn du diesen Eigentumsvertrag brichst, dann liebe ich dich nicht mehr.«

Mein Meister nannte das »Geschäftemachen, nicht lieben«. In unserer Gesellschaft sind diese Verwechslungen akzeptiert, hingenommen, werden nicht weiter reflektiert. Bei uns macht es Sinn, dass man jemanden nicht mehr lieben kann, nur weil sich diese Person auf eine Art benommen hat, die nicht im Einklang mit der Norm oder der vorher getroffenen Abmachung (»Du gehörst mir, ich gehöre dir.«) steht. Dann ist da die viel bewunderte Liebe als Zufallsprodukt: »Da habe ich mich plötzlich verliebt.« Die immerwährende Hochkonjunktur der Liebeslieder aller Kulturen bestätigt unsere Unkenntnis, diese Verwechslungen, wenn es um Liebe geht.

weiter lesen

english

 
de/texte/aus_liebe_lieben.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)