Gott in dir als Du

Quintessenz yogischer Übung

Vor vielen Jahren war ich im Ashram meines Meisters in Indien Zeuge eines bemerkenswerten Gesprächs. Ein katholischer Priester aus Frankreich war zu Besuch, und eines Nachmittags führten er und mein Meister eine halböffentliche Unterhaltung über Gott und Gotteserfahrung. Es gab keine Mikrofone, wir mussten also sehr aufmerksam zuhören.

Ohne direktem Zusammenhang stellte der Priester auf einmal die Frage: »Swamiji, siehst du Gott in diesem Baum dort?« Mein Meister schüttelte den Kopf. Der Priester war fast schockiert. »Aber,« meinte er, »ist das nicht die Quintessenz deiner Lehre, der Lehre des Yogas an sich, Gott überall zu erkennen, in allem? Und wenn das so ist, dann musst du doch Gott in diesem Baum sehen!« Wiederum schüttelt mein Meister den Kopf. »Ja,« sagte der Priester, »was siehst du dann?« Und mein Meister antwortete mit großer Klarheit und Bestimmtheit: »Ich sehe Gott ALS den Baum.« Es war jetzt ganz still und der Priester, sichtlich beeindruckt und überrascht, verbeugte sich tief vor ihm.

»Gott in dir als du«, das ist keine Aufgabe, keine Vermutung und auch keine philosophische Position. Das ist die zentrale Erkenntnis, für die Yoga steht. Es gibt Geschichten von Meistern, die einem Schüler genau das sagten. Wenn so ein Schüler reif für dieses Wissen war, dann konnte er sofort vollkommen erleben, was der Meister meinte (Shankaracharya und Hastamalaka, zum Beispiel, für die, die das interessiert).

Ich habe viele Yogaprogramme miterlebt, auch von Schülern meiner Tradition gehalten, in denen man sehr schnell und ohne Holpern lehrte, dass Gott in uns ist. Es wurde von der Flamme Gottes im Herzen gesprochen, vom göttlichen Funken, und die meisten drückten sich um die so viel tiefer reichende Einsicht, für die so manche Sufis ihr Leben ließen, weil die Orthodoxen das nicht dulden konnten: Ich bin Gott. Mansur Mastana war berühmt für sein „An‘al Haq“, was so viel wie „ich bin Gott“ bedeutet. Er wurde mit diesen Worten auf den Lippen, wegen dieser Worte, auf grausamste Weise getötet.

»Gott in dir als du« geht schon nicht so einfach runter wie der eben erwähnte »göttliche Funke«. Meine Meisterin brachte das einmal auf den Punkt: »Am Ende wird klar werden, dass Gott sich in nichts von dir unterscheidet.« Wenn du diese Worte einmal in dir wirken lässt, dieses »Gott in dir als du«, dann wirst du gleich merken, was sich da sträubt. Und der Fortschritt in deiner Praxis, in deiner Selbsterforschung, wird sich dann zeigen. Alles das, was sich sträubt in dir, wenn du diese Worte und ihre Bedeutung an dich ran lässt, dient dir als Wegweiser auf deinen Weg, als Aufgabenbeschreibung. Dieses »Gott in dir als du« geht natürlich weit über das rein Gedankliche hinaus, ich bin mir sicher, dass man das nicht begreifen kann, wie ein philosophisches Konzept oder ein wissenschaftliches Prinzip. Es muss in den Tiefen unseres Herzen als Wahrheit keimen und aufblühen.

Klar sträubt sich unser ego-zentriertes Selbstverständnis gegen diese Aussage (oder, wenn es noch diese alles beherrschende Rolle in unserem Leben spielt, dann winkt es einfach müde und gelangweilt ab und sagt: Na und?). All unsere Taten und Unta­ten werden vor unserem inneren Auge wieder auftauchen. Unsere Missverständnisse über uns selbst, die wir uns so oft als Tatsache bestätigt haben, stellen sich quer und überfluten unseren Verstand und unser Herz. Oft endet die Besinnung auf »Gott in dir als du« mit der Vermutung, dass das auf uns selbst bezogen nicht stimmen kann.

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de/texte/gott_in_dir_als_du.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)