Herzensmeditation

Die tiefe Stille des Herzens im täglichen Leben

Als ich anfing, zu meditieren, erlebte ich sehr bald, nach ein paar Wochen, ein für mich bis dahin neues Phänomen: innere Stille. Das war deshalb etwas überraschend für mich, weil ich eigentlich dachte, mit »innen« ist die Bewußtseinsebene in uns gemeint, wo dieser ständige »innere Dialog« stattfindet.

Ende des inneren Dialogs

Während ich diesen Dialog als Zeichen meiner geistigen, intellektuellen Beweglichkeit verstand, öffnete sich mit dem Erlebnis der inneren Stille ein ganz neues Selbstverständnis. Manchmal war diese Stille so tief und vollständig, dass ich meinte, eingeschlafen zu sein. Da ich Meditation als unerfahrener Laie begann, hatte ich keine Vorstellungen und keinen »Erfolgsdruck«. Für mich waren meine Meditationen weder schlecht noch gut, sondern einfach so, wie sie halt mal waren.

Nach diesen »Einschlafmeditationen« fühlte ich mich erfrischt, so richtig ausgeschlafen. Ich empfand auch eine ganz besondere Art von Zufriedenheit und Kraft. Seit dieser Zeit habe ich natürlich viel über Meditation gelesen, gehört und erfahren. Ich fand auch heraus, dass in der Meditation ein Zustand auftaucht, der yoga nidra heißt, Yogaschlaf.

In der Brhadarankyaka Upanisad steht: »Im Herzen ruhen alle Dinge. Aus dem Herzen gehen alle Dinge hervor, denn im Herzen allein haben alle Dinge ihren Ursprung.« In der klassischen Yogatradition spielt das innere »Herz« eine zentrale Rolle. Nicht nur als energetisches Zentrum, als Zentralorgan, was asanas und Atemübungen betrifft, sondern als Raum der emotionalen und geistigen Läuterung.

Stark und friedfertig

Herzensmeditation im yogischen Sinn ist nicht nur ein Stillsitzen mit konzentriertem, ruhigem Geist. Es ist auch die Ansammlung von Kraft, von Selbst-Ständigkeit, von Selbstsicherheit. Eine meiner Lieblingsstellungen im Hatha Yoga, die Kriegerstellung, versinnbildlicht Herzensmeditation: Die Gesamtheit dieser wunderbar kraftvollen Körperhaltung kann sich nur dann offenbaren, wenn unsere Aufmerksamkeit weggehen kann von der Muskelarbeit, von der konkreten Position der Beine, der Arme, etc. hin zur Kraft im Herzen. Dann erst kann diese Stellung eine neue Seite im Buch unserer Selbsterfahrung öffnen: Stark zu sein, aber gleichzeitig auch friedfertig.

Meiner Erfahrung nach gibt es mehrere Formen der Herzensmeditation. Manche Meister waren in der Lage, so sehr die Details dieses inneren Raums auszuloten, dass sie eine Art Energielandkarte des Herzens erstellt haben. Als ich zum ersten Mal diese Beschreibungen las, war ich zuerst einmal sehr betroffen, dass es Menschen gab, die so tief in sich Einblick nehmen konnten. Manche von ihnen waren in der Lage, die feinsten Einzelheiten des hrdaya cakra, des Energiezentrums in der Mitte unseres Körpers, nicht nur zu beschreiben, sondern auch mit ihrem Bewußtsein dort auszuharren und sich frei zu bewegen.

Obwohl mich dieses Thema von Anfang an fasziniert hat, erkannte ich recht schnell, dass für uns »Normalyogis« das Herz viel einfacher, direkter, erlebt wird.

Energetisch ist das innere Herz der Sitz der Emotionen (die moderne Medizin hinkt da immer noch etwas dem Volksmund hinterher, der »Schmerz« und »Herz« schon lange zusammenbrachte). Wenn wir in der Meditation unseren Geist immer wieder ruhig werden lassen, in dem wir all unsere Aufmerksamkeit auf den Atem oder auf ein Mantra richten, dann öffnet sich der Vorhang zu diesem inneren Palast.

weiter lesen

 
de/texte/herzensmeditation.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)