Leben ohne Angst

oder: die Zähmung der inneren Dämonen

Wer will das nicht: Ohne Angst leben? Mit Furchtlosigkeit allen Ereignissen begegnen können? In der Yogatradition wird deutlich gezeigt, wie das geht, wie man sich befreien kann von diesen Ängsten.

Es werden drei Schritte aufgezeigt, die sich sehr einfach anhören, aber doch DIE Herausforderung im Leben eines Menschen darstellen: 1. Entdeckung 2. Zuwendung 3. Heilung

Der Entdeckungsprozess beginnt damit, herauszufinden, was unsere Angst schürt. Da gibt es prinzipielle Ursachen, die in der Yogaphilosophie beschrieben werden als die drei »Makel« (malas), die umschrieben werden können mit den Sätzen: »Ich bin nicht vollkommen«(anava mala), »ich bin getrennt von allen und allem«(mayiya mala), »Mein Tun wird von alten Erinnerungen bestimmt und begrenzt«(karma mala).

Wir können philosophisch jahrelang über diese prinzipiellen Ursachen diskutieren. Aber irgendwann einmal siegt (Gottseidank!) das praktische Leben und fordert uns heraus, genauer zu untersuchen, was uns verängstigt, was uns dazu bringt, einfach zuzumachen oder völlig unangemessen auf Situationen zu reagieren (maßlose Wut!). Unsere Meditationspraxis wird uns immer deutlicher zeigen, dass etwas innerlich »klemmt«. Für einige Zeit können wir das »wegmeditieren«, eine geniale Art der yogischen Verdrängung! »Wenn ich meine Aufmerksamkeit woanders hingebe, dann wird das Problem verschwinden (Vogel Strauß auf yogisch!).« Aber bald geht das einfach nicht mehr, weil sich die Probleme immer wieder und immer deutlicher aufdrängen. Mit der Verzweiflung des Nicht-mehr-weiter-Kommens reift unsere Entschlossenheit, endlich die Ursachen für unser tiefes Unwohlsein aufs Korn zu nehmen.

Der Körper gibt uns Hinweise, dient uns mit seinen Signalen. Die Frage ist jetzt wieder: Haben wir Yoga dazu benutzt, den Körper in ein undurchdringliches Bollwerk zu verwandeln oder haben wir gelernt, ihn zu öffnen, seine große Feinheit auszuweiten, damit er uns Hinweise gibt auf verborgene Zusammenhänge. Ein feinfühliger Körper wird uns zeigen, wo unsere Energien blockiert sind. Mit unserer geschulten inneren Wahrnehmung können wir dann nachforschen und hinhören, was sich da äußern will. Dieser Prozess ist wie eine neue, tiefgreifende Initiation, ein Geschenk, unbeschreiblich, unermesslich in seiner Auswirkung.

Wenn hier von Zuwendung die Rede ist, dann ist das wortwörtlich so gemeint: wir blicken diesen versteckten Energieverwindungen ins Angesicht. Oft tauchen Erinnerungen auf, die wir völlig verdrängt haben. Es kann vorkommen, dass wir jetzt endlich Rache nehmen wollen an all denen, die uns das »angetan« haben, meist in unserer Kindheit, wo wir so sehr ausgeliefert waren.

Ohne den Yoga der Eigenverantwortung artet dieser Prozess in eine Generalabrechnung mit unseren Peinigern aus, Eltern, Geschwister, Lehrer, etc. Wir würden dann am liebsten hingehen und ihnen die Wahrheit ins Gesicht schmettern (milde gesagt), ein für alle Mal! Aber für uns Yogis ist das eben keine Lösung. Wir wissen zu genau, dass solche Vorhaben nur die hilflosen Reaktionen des Egos sind. Denn indem wir die Ursachen in andere hinein projizieren, vergeben wir die Chance der inneren Klärung. Wir machen uns dann wiederum zu Opfern, würden uns von Neuem wehren vor dem echten Hinschauen. Die echte yogische Welt- und Lebenssicht bringt uns dazu, endlich Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen, mit dem Bewusstsein, dass wir nur so wirklich frei sein können, nicht nur von Angst, sondern frei, ohne Fesseln irgendeiner Art.

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de/texte/leben_ohne_angst.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)