Die perfekte Stellung für (noch nicht ganz) perfekte Menschen

Hatha Yoga-Unterricht mit Mitgefühl

Als ich nach einem mehrjährigen Aufenthalt aus Indien wieder nach Europa kam, mit dem Auftrag meines dortigen Lehrers, doch in Deutschland und der Schweiz Yoga zu unterrichten, wartete auf mich ein Berg von Überraschungen. Ich hatte in Indien in einem Ashram gelebt und dort eine sehr gründliche, tiefgehende Yogalehrer-Ausbildung erhalten. Wir hatten jeden Tag, Samstag und Sonntag natürlich auch, Unterricht, und das über mehrere Jahre. Dabei erhielt ich eine fundierte anatomische Ausbildung. Für viele Monate bestand unsere Ausbildung darin, zu lernen, wie man Menschen bei den Übungen unterstützen kann.

In Deutschland und der Schweiz arbeitete ich dann mit sogenannten Anfängern. Ich unterrichtete auf dem Land in Deutschland und in mehrtägigen Workshops in der Schweiz. Für meine ersten Kurse hatte ich mir, wie ich dachte, ein sehr behutsames Programm zurechtgelegt. Ich träumte davon, den Familienmüttern die klassischen Yogastellungen beizubringen, denn es kamen, wir kennen das alle, damals kaum Väter.

Was ich nicht erwartet habe, war die Tatsache, dass die meisten meiner TeilnehmerInnen ohne Schmerzen und Verletzungsgefahr keine der Übungen ausführen konnten, die ich mit ihnen machen wollte. Ich fing an umzudenken. In den Patañjali Yoga Sutras wird »asana« oder Stellung als »sukha« definiert, als leicht, und das Wort »sukha« bedeutet nicht nur »leicht« sondern auch »glücklich machen«. Was ich in den Gesichtern meiner KursteilnehmerInnen sah, war alles andere als »sukha«, eher schon »duhkha«, schwer oder auch leiderzeugend. Ich machte es zu meiner Aufgabe, die Übungen vom Prinzip her zu verstehen, und dann Wege zu suchen, die Übungen an die Menschen mit ihren körperlichen Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten) anzupassen. Ich gab die Vorstellung ganz auf, klassischen Hatha Yoga zu unterrichten. Ich wollte einfach Menschen helfen, ihren Körper in Stellungen zu bringen, die physisch und energetisch ein echtes inneres Öffnen ermöglichen.

Die Übungen und mein Repertoire wurden sehr viel einfacher. Die Stellungen, die blieben, bekräftigten wichtige und nützliche geistige Haltungen. Sie waren in ihrer Intensität ganz und gar vom Übenden bestimmbar: Die Kriegerstellung, solange vereinfacht, bis auch ein übergewichtiger Teilnehmer, über 60, der zum ersten Mal Übungen dieser Art machte, seinen inneren Krieger erlebte und nicht die Schmerzen seiner körperlichen Ungeübtheit; der Baum, von innen heraus in sich ruhen, einfach stehen, manchmal schwanken; der Adler, der schon sehr viel Anpassung durchmachen mußte, bevor ich ihn auf die TeilnehmerInnen zurechtgestutzt hatte; viele, sehr einfache Übungen, die die Rückenmuskulatur stärken, eine Kobra in ihrer einfachsten Form und andere Stellungen, die einfach und flexibel in der Ausübung waren. Die Anpassbarkeit der Stellungen war (und ist) für mich zentral in der Auswahl für einen Kurs.

weiter lesen

english

 
de/texte/perfekte_stellung_fuer_perfekte_menschen.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)