Wenn Zauberlehrlinge sich selbstständig machen

Wie manche Yogalehrer im Westen sich vom Meisterprinzip emanzipieren

Auf einem Yogakongress in New York feierte das Ego Urständ! Da so mancher westliche Yogaschüler mit einer gewissen Blauäugigkeit auf Gurusuche ging, geschah, was geschehen musste: Ein paar findige Marketing-Karismatiker nannten sich Gurus und gingen auf Westlerfang. Es entstanden schillernde Gefolgschaftsorganisationen, die sich aber alle mit der Zeit wieder auflösten, stillschweigend oder mit einem großen Skandal.

Die so »gebrannten« Kinder kamen wie gesagt, in New York zusammen und stellten fest, dass das ganze Drumrum mit den Meistern sich doch eher totgelaufen hat. Man stellte fest, dass es ohne auch ging. So gibt es jetzt die typisch amerikanische Form des Yoga, »entmeistert« und emanzipiert.

Nachdem ich einen Bericht zu diesem Kongress in der New York Times gelesen hatte, dachte ich daran, dass wir uns, dem indischen Kalender nach, im Kali Yuga, dem Zeitalter der Verblendung befinden, wo Wahrheit und Unwahrheit sich tatsächlich nur durch ein paar Buchstaben unterscheiden. Diese »Wir können das auch alleine, wir sind jetzt erwachsen«-Haltung, die jetzt in den Yogakreisen der USA salonfähig wird, hat bestimmt auf viele ihre Anziehung. Aus Yoga wird Fitness mit ein wenig Entspannung und neuerdings auch Mantrasingen, ein paar Moralvorstellungen werden mit eingestreut, konnten praktischer Weise direkt von den christlichen Vorgaben übernommen werden und siehe da: Ecce Yoga americanus – Hier haben wir die typisch westliche Yogatradition.

Gottseidank gibt es auch viele unter uns, die da nicht so recht mitkönnen. Mein Meister, dem ich viel mehr verdanke, als ich je durch Worte ausdrücken kann, sagte einmal: »Du kannst alle Schriften, alle Traditionen so interpretieren, wie du willst, sie ganz nach deinem Gutdünken verändern. Aber der Meister verändert DICH!«

Ein Sprichwort in Indien besagt: »Filtere dein Wasser, bevor du davon trinkst und prüfe deinen Meister genau, bevor ihn annimmst.« Wer sich nicht ganz sicher ist, wie man zwischen Schülerfängern und Meistern unterscheiden kann, dem sei die Lektüre der klassischen und tantrischen Yogaschriften empfohlen (wobei Tantra nichts mit den hierzulande popularisierten Sextechniken zu tun hat!). Eine der ältesten nordindischen Yogaschriften, die Kularnava Tantra, listet die Eigenschaften eines Meisters genau auf. Manche dieser Eigenschaften sind von uns nicht so einfach zu überprüfen, andere dagegen sind eindeutig nachprüfbar.

So heißt es zum Beispiel, dass ein Meister erleuchtet sein muss. Ob ein Mensch erleuchtet ist oder nicht, das weiß halt nur der sicher, der es auch ist. Aber ob jemand, der sich Meister nennt, von seinem Meister, dessen Schüler er war, zum Meister ernannt wurde, das kann man schon eher untersuchen. Wenn sich in Indien Mönche auf ihren Wanderungen treffen, stellen sie sich immer ihrem Gegenüber damit vor, wer ihr Meister ist und wer dessen Meister war, etc. Die meisten der heute bei uns im Westen populären Yogameister hätten hier schon Erklärungsnotstände. Es ist modern, bei vielen studiert zu haben. Ein richtig kosmisches Yoga-Büfett! Das mag am Arbeitsmarkt ein großes Plus sein, im Yoga aber leider nicht. Man bezeichnet das als Schmetterlingsschüler, von Blüte zu Blüte ein bisschen Nektar saugen.

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de/texte/wenn_zauberlehrlinge_sich_selbststaendig_machen.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/15 14:33 (Externe Bearbeitung)